Predigtreihe

In diesen Wochen werden wir PastorInnen der Northeimer Südregion Predigten für die jeweiligen Sonntage schreiben. Die Predigten können hier direkt gelesen oder heruntergeladen werden. Darüber hinaus sind wir über Telefon und Email für Fragen und Probleme stets zu erreichen.

Predigt zum 25.10.2020

Liebe Gemeinde

Der November steht vor der Tür, aber er ist keine Zeit für Trübsinn

Herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst am Wochenende der Zeitumstellung:

Eine Stunde war die letzte Nacht länger als sonst.

Morgens geht es jetzt erstmal wieder bei Helligkeit zur Schule,

aber abends fehlt die Stunde Sonnenlicht – Sonnenuntergang ist heute um 5 nach 5.

Das hört sich trübe an, und nun ist es nur noch eine Woche, dann haben wir sogar November:

Ist der November eine Zeit für Trübsinn? Wir sagen: „Nein“.

Aber wir wollen das nicht voreilig sagen.

Deshalb hören wir heute mal in die Gedanken hinein,

die sich Menschen rund um dunkle Zeiten gemacht haben.

 

Heute gibt es hier keine Predigt.

Stattdessen gibt es 5 Texte von 5 ganz unterschiedlichen Menschen:

Der erste von unseren 5 Texten ist das Anfangsgebet.

Geschrieben hat es – erst vor kurzem – Ralf Meister, unser Landesbischof.

Pastorin Johanna Hesse hat es neulich auf einer Konferenz gelesen.

Die letzten 3 Zeilen machen diesen Text zu einem Gebet.

 

Das Anfangsgebet (geschrieben von Ralf Meister, vor wenigen Wochen):    

Wir Christen sind kein Volk der Furcht / der Angst:

Sondern wir sind ein Volk des Mutes.

Wir sind kein Volk, das seine eigene Sicherheit beschützt:

Wir sind ein Volk, das die Sicherheit unserer Nachbarn beschützt.

Wir Christen sind kein Volk der Habgier:

Wir Christen sind ein Volk der Großzügigkeit.

Wir sind Dein Volk, Gott, wir geben und lieben, wo immer wir sind,

was es auch kostet, so lange es dauert:

Wo immer Du uns rufst. Amen.

 

Der zweite Text:

Es ist ein Text, der auf die Natur und auf den Menschen schaut, ein Text, der uns großen Mut machen will.

Er ist gut als Lesung kurz vor dem November. Jesus sagt:

„Ich sage euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und ist nicht auch der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?!

Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch König Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von diesen Blumen.

Wenn Gott nun das Gras auf dem Feld so kleidet, obwohl es doch heute steht und morgen schon wieder vergeht: Sollte er dann nicht noch viel mehr euch Gutes tun? Warum seid Ihr so kleingläubig? Darum sollt ihr Euch nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

Sorgt Euch nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.

Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“

 

Der dritte Text:

Heute gibt es keine Predigt, aber hörenswerte Texte. Der dritte kommt von Rainer Maria Rilke.

Er war ein österreichischer Dichter, der in deutscher und französischer Sprache schrieb.

Der christliche Glaube war sein Wegbegleiter. Und er mochte 2 Sachen ganz und gar nicht:

Erstens: Wenn Christen so ganz genau wussten, was richtig und was falsch war.

Er plädierte für eine große Sichtweise des christlichen Glaubens.

Und das Zweite, was er nicht mochte:

Wenn Atheisten – also bewusste Gottesleugner – so selbstsicher sagten:

„Ich glaube nur an das, was ich sehe: An die Maschinen und an den Materialismus“.

Dann hat er gelacht – oder hat er dann eher sogar geweint?

Weil er wusste, dass es viel wichtiger ist, die Seele zum Schwingen zu bringen

als dass man Maschinen und immer neue Erfindungen zum Laufen bringt.

Hier nun sein Gedicht über den Herbst – auch dies ist als Gebet formuliert.

Geschrieben hat er es im Herbst 1902, in Paris:

 

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, wird lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 

Der vierte Text:

Jetzt kommt ein Gedicht – und es wird immer wieder erzählt, es sei von Clemens Brentano:

Das war ein Dichter vor 200 Jahren, geboren auf der Festung Ehrenbreitstein am Rhein.

Hört Euch das mal aufmerksam an – dann spürt Ihr sofort:

Dieser Text kann nicht 200 Jahre alt sein – das merkt man schon an den Formulierungen

und zum Schluss dann noch daran, dass vor 200 Jahren kein einziges Kind dieser Welt

jemals in seinem Leben ein Eis gegessen hat.

Also: Es sind wunderbare Zeilen – aber von einem unbekannten, neuzeitlichen Verfasser.

Folgendermaßen hört es sich an:

 

Glück ist gar nicht mal so selten, Glück wird überall beschert.

Vieles kann als Glück uns gelten, so wie das Leben es uns lehrt - nämlich:

Glück ist jeder neue Morgen, Glück ist bunte Blumenpracht.

Glück sind Tage ohne Sorgen, Glück ist, wenn man fröhlich lacht.

Glück ist Regen, wenn es heiß ist, Glück ist Sonne nach dem Guss,

Glück ist, wenn ein Kind ein Eis isst, Glück ist auch ein lieber Gruß.

Glück ist niemals ortsgebunden, und Glück kennt keine Jahreszeit,

Glück hat immer der gefunden, der sich seines Lebens freut.

 

Das war gut: „Glück ist gar nicht mal so selten, und: Glück kennt keine Jahreszeit“.

Ein paar konkrete Fragen dazu: Meint Ihr, dass sich im November weniger Menschen verlieben als im Juni?

Denkt Ihr, dass Jesus im November Pause gemacht hat mit seiner Menschenfreundlichkeit?

Das Glück kennt keine Jahreszeit – jeder Monat ist eine ganz eigene Chance zum Leben.

 

Gibt es bei Euch Monate, die Ihr so gar nicht mögt?

Dann tut ein bisschen was dafür, dass Ihr Euch mit diesen Monaten versöhnt.

Niemand, der den Winter nicht mag – ich z.B. – muss ein Freund des Winters werden.

Aber es hilft mir zu merken: Dass auch der Winter seinen Sinn hat.

Unsere Äcker könnten gar nicht 12 Monate lang produzieren und produzieren – pausenlos.

Die brauchen zwischendurch Ruhe – sonst wären sie bald ausgelaugt – genau wie wir Menschen.

 

Der fünfte Text (von Dirk Grundmann, aus dem Buch „80 Brocken Leben“):

Jedes Jahr bringt mich der November wieder zum Staunen: Wie kurz die Tage schon sind und wie rasant die Dunkelheit zunimmt. Der Sommer ist lange vorbei, definitiv, und an manchen Tagen packt mich eine Art Abschiedsschmerz. Zeit für Trübsinn.

Meine Güte, fast fange ich an, mich zu ärgern. Und zwar über mich selbst. Zeit für Trübsinn? Nun hatten wir gerade die helle Jahreszeit, monatelang. Und kaum ist die vorbei, da werde ich schon wieder anspruchsvoll und kann nicht genug bekommen. Ob es uns glücklicher machen würde, wenn wir „im Land des ewigen Sommers” leben würden? Ich glaube nicht.

Warum schwärmen wir für den Sommer? Doch nur, weil wir als Kontrast auch die Kälte kennen. Wir meinen, die Kälte sei der Feind der Wärme, und die Dunkelheit sei der Feind des Lichts. Aber in Wirklichkeit können wir die Wärme nur genießen, wenn wir auch die Kälte kennen. Und das Licht können wir nur wertschätzen, wenn wir auch das Dunkel erlebt haben.

Der November ist genau wie der Juli eine Zeit zum Leben. Eine Zeit für Freunde! Eine Zeit, um Zeit zu haben. Vielleicht könnte man im November sogar mehr Zeit haben als in jedem anderen Monat. Früher war das so: Im Erntemonat Oktober sehnten die Bauern den November herbei, weil die Arbeit dann endlich geschafft sein würde. Und wir? Wollen wir aus dem November nun eine Zeit des Trübsinns machen?

 

Ich schlage etwas anderes vor: Nämlich den bevorstehenden November zu einem der besten Monate des Jahres zu machen. Abgesehen vom trüben Wetter: Was spricht dagegen?

 

Wir beenden unseren „ermutigenden Gedanken-Spaziergang rund um den November“

mit 2 Sätzen aus der Rede von Jesus, die wir vorhin schon ausführlicher gehört haben.

Vielleicht sind genau das die besten Zeilen kurz vor dem November:

 

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht,

und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid Ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

Sollte Gott dann nicht euch noch viel mehr Gutes tun? Warum seid Ihr so kleingläubig?

Amen.

Pastor Dirk Grundmann, Höckelheim